»Mitarbeitende haben ein großes Interesse an Klima- und Umweltschutz«

 

Wie gelingt es Unternehmen, zu Klimaschützern zu werden? Wir haben zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen Organisationen getroffen, deren Job es ist, genau darauf eine Antwort zu finden.

Text: Sandra Lachmann

Dass die Lohnabrechnung pünktlich kommt und der darauf vermerkte Betrag angemessen ausfällt, ist für viele nach wie vor das Wichtigste an ihrem Job. In den vergangenen Jahren sind aber noch weitere Punkte hinzugekommen, die Fachkräfte bei der Wahl eines Arbeitgebers genauer unter die Lupe nehmen – gerade in Branchen, in denen der „war of talents“ in vollem Gange ist. Welchen Werten folgt das Unternehmen? Haben dessen Angebote tatsächlich einen Mehrwert, so dass die Arbeit sinnstiftend wäre? Und wie sieht es mit dem Umweltschutz aus? Das sind Fragen, die sich immer mehr Menschen vor einem Jobwechsel stellen.

Besonders im Fokus: der Klimaschutz. Die jüngsten Hochwasserkatastrophen in Deutschland haben einmal mehr ins Bewusstsein gerückt, wofür besonders die #fridaysforfuture-Aktivist:innen um Greta Thunberg und Luisa Neubauer in den vergangenen Jahren weltweit sensibilisiert haben. Die Zahl der Menschen, die sich bei gleicher Bezahlung lieber für das Unternehmen entscheiden, das verantwortungsvoll mit Ressourcen umgeht, steigt. Organisationen, die konkrete Klimaschutzmaßnahmen  umsetzen, haben in dieser Hinsicht einen klaren Wettbewerbsvorteil, denn für mehr als jede:n zweite:n Deutsche:n gehört das Umweltbewusstsein des Arbeitgebers zu den Top 3 Kriterien, wenn es um einen Jobwechsel geht.

 

Energieeffizienz steigern steht auf der ToDo-Liste ganz oben

 

Für Rüdiger Meß, Energiemanager bei der hanseWasser Bremen GmbH, und Natali Winter, Leiterin des Infrastruktur- und Gebäudeservices bei Radio Bremen und der BREMEDIA PRODUKTION GmbH, ist das eine zusätzliche Motivation für ihre Arbeit. Ihr beruflicher Alltag wird nämlich schon einige Zeit von einem klaren Ziel bestimmt: Die Energieverbräuche der Unternehmen, für die sie jeweils tätig sind, so weit zu senken wie möglich. Eine Aufgabe, der sie sich mit großer Überzeugung annehmen.

Bereits bei der Wahl seines Studienfaches Umwelttechnik hatte Rüdiger die Zukunft fest im Blick: »Ich war schon damals angetrieben von dem Wunsch, dass meine Kinder noch eine lebenswerte Welt vorfinden«, erinnert sich der hanseWasser-Mitarbeiter. »Und wenn es dann doch anders kommt, wollte ich wenigstens sagen können, dass ich dafür nichts unversucht gelassen habe.«

Natali, die von Hause aus eigentlich Bänkerin ist, wurde währenddessen vor allem vom Umfeld, in dem sie aufgewachsen ist, geprägt: »Ich lebe seit meiner Kindheit im Bremer Viertel. Dort gibt es per se eine große Sensibilität für Themen wie Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit. Das begleitet mich schon immer.«

 

Mit sechs anderen Organisationen an einem Tisch

 

Obwohl ihre Unternehmen vollkommen verschieden und ihre Klimaschutzaktivitäten in ganz unterschiedlichen Stadien sind, sitzen Rüdiger und Natali seit über einem Jahr im wahrsten Sinne des Wortes am gleichen Tisch: Am Effizienztisch »energiekonsens Kommunal«, zusammen mit sechs weiteren kommunalen und öffentlich-rechtlichen Bremer Unternehmen (botanika GmbH, M3B GmbH, Theater Bremen GmbH, Umweltbetrieb Bremen, Stadttheater Bremerhaven und Werkstatt Bremen). »Bis 2022 wollen die acht Unternehmen ihre jährlichen Energieverbräuche in Summe um mindestens 6,5 Prozent senken«, weiß Sebastian Pofahl von der gemeinnützigen Klimaschutzagentur energiekonsens, die den Effizienztisch initiiert hat und dank Fördermitteln aus der EU und vom Land Bremen kostenfrei für die teilnehmenden Organisationen anbieten kann.

Foto Rüdiger Meß Energiemanager

»Wir haben gespürt, dass die Mitarbeitenden ein starkes Interesse an Klimaschutz und Umweltschutz haben.«

Rüdiger Meß
Energiemanager hanseWasser Bremen GmbH

Rüdiger von hanseWasser nutzt den Effizienztisch mit dem Ziel, sich außerhalb seiner Branche auszutauschen. »Für uns steht der Netzwerkgedanke ganz klar im Vordergrund. Im Rahmen des Effizienztisches können wir uns Input und Wissen zu übergeordneten Themen holen, die nichts mit unseren branchenspezifischen Kernprozessen zu tun haben, dafür zum Beispiel mit effizienter Beleuchtung, mit Druckluft oder mit E-Mobilität und solchen Geschichten.«

 

hanseWasser 2015 als erste deutsches Abwasserunternehmen klimaneutral

 

hanseWasser ist die Organisation am Effizienztisch, das in Sachen Klimaschutz auf die längste und erfolgreichste Historie zurückblicken kann. Seit 2015 wirtschaftet das Abwasserunternehmen klimaneutral. Gelungen ist das unter anderem über den Betrieb einer Windkraftanlage, die Verstromung von Klärgas in modernen Blockheiz-Kraftwerken, Investitionen in effiziente Lufterzeuger und Pumpen, sowie Wärme aus Abwasser. Fast 80 Prozent der ursprünglichen Emissionen können damit inzwischen aus eigener Kraft eingespart werden, die restlichen Emissionen werden durch Kauf von Grünstrom und Zertifikaten kompensiert. »Aktuell kaufen wir Zertifikate über die Partnerschaft Umwelt Unternehmen. Ein Teil des Geldes fließt in die Unterstützung von sozialen oder kulturellen Einrichtungen in Bremen und umzu, damit diese Maßnahmen für Energieeffizienz umsetzen können, die sie sich sonst nicht leisten könnten.«

2010 hatte sich das Bremer Abwasserunternehmen auf den Weg gemacht, Maßnahmen für mehr Klimaschutz umzusetzen. Und schon damals merkte es, dass dies zu einer höheren Identifikation der Beschäftigten mit ihrem Arbeitgeber führt. »Wir haben mit den strukturierten Klimaschutzaktivitäten einerseits begonnen, um die im Klimaschutz- und Energieprogramm 2020 festgehaltenen Ziele des Landes Bremen zu unterstützen«, so Rüdiger. »Zum anderen, weil wir gespürt haben, dass die Mitarbeitenden ein starkes Interesse an Klimaschutz und Umweltschutz haben. Und wir mit einer klaren Priorisierung des Themas zeigen konnten, das das Unternehmen das gleiche Interesse hat.«

 

Klimaschutz als kulturelle Unternehmens-DNA

 

Das Projekt wurde deshalb nicht nur hinter den Kulissen technisch abgewickelt, sondern auch in die Belegschaft hineingetragen und mit ihr gemeinsam weiterentwickelt. 2012 wurde dafür mit externer Unterstützung eigens das unternehmensweite Projekt »kliEN« gestartet. »Im Rahmen dieses Projektes haben die Mitarbeitenden viele Ideen und Verbesserungsvorschläge eingebracht, die uns noch energieeffizienter haben werden lassen haben«, beschreibt der Energiemanager von hanseWasser den Prozess. »Gleichzeitig haben wir mit den Beschäftigten diskutiert, was wir warum für den Klimaschutz machen und Informationsangebote geschaffen, bei denen alle etwas lernen, was ihnen auch privat weiterhilft.«

Es gab beispielsweise Info-Stände in der Kantine zum Thema LED oder Heizen, oder Trainingsfahrten im Fahrsimulator, um energieeffizientes Autofahren zu lernen. »Über solche thematischen Appetizer ist es gelungen, dass sich sehr viele mit dem Thema auseinandersetzten.« Dass es auch mal Situationen gab, in denen einzelne Mitarbeiter:innen das Thema nicht mehr hören konnten, verhehlt Rüdiger nicht. »Vor allem der Veggie Day in der Kantine war ein umstrittenes Thema. Trotzdem haben wir den jetzt, sieben Jahre später, immer noch jeden zweiten Donnerstag im Monat. An diesen Tagen gehen die Zahlen der Kantinengäste nicht runter, es kommen dann einfach z.T. andere Menschen.«

hanseWasser ist in zwölf Jahren gelungen, was sich viele Unternehmen wünschen: Durch technische Maßnahmen, die Einbindung von Mitarbeiter:innen und eine klare Positionierung der Geschäftsleitung ist Klimaschutz fester Bestandteil der Unternehmenskultur geworden. Eine Entwicklung, die für viele Unternehmen nicht so einfach nachzumachen ist, weiß Rüdiger. »Es ist für viele sehr schwierig, ins Umsetzen zu kommen. Nicht, weil die Verantwortlichen das nicht wollen. Wenn man vernünftig darlegt, was die Einsparung auch finanziell bedeutet und was man auch für ein Signal nach außen sendet, sind ja erst einmal alle einer Meinung. Nämlich, dass das eine gute Sache ist. Nur wenn es darum geht, aus welchen Töpfen die Investitionen, die nötig sind, bezahlt werden, wird es schwierig.«

 

Klimaschutz kostet Geld, das auch andere Unternehmensbereiche brauchen

 

Natali kann das bestätigen. Die Leiterin des Infrastruktur- und Gebäudeservices bei der BREMEDIA PRODUKTION GmbH und Beauftragte bei Radio Bremen vertritt wie einige andere Teilnehmer:innen am Effizienztisch eine Organisation, die den Klimaschutz noch weiter ausbauen möchte. Dementsprechend groß war ihr Interesse an der Einschätzung vom Ingenieurbüro, das im Rahmen des Effizienztisches »energiekonsens Kommunal« eine Vor Ort-Analyse vornahm, welche Maßnahmen Radio Bremen und die BREMEDIA umsetzen könnten, um Energieverbräuche zu senken. Denn Energie benötigen die Radio- und TV-Studios, die Schalträume und die zahlreichen Server eine ganze Menge.

»Wir haben per se eine hohe Grundlast«, erläutert die gebürtige Bremerin. »Die verschiedenen Programme senden zum Teil live von 5 Uhr morgens bis Mitternacht. Und dabei sind wir natürlich auch auf Stabilität bei der Versorgung angewiesen. Bekannte alternative Energiequellen wie z.B. Photovoltaikanlagen könnten wir nur zum Abdecken von Tagesspitzen nutzen, nicht als grundsätzliche Versorgung.« Was Photovoltaik angeht, gäbe es noch ein anderes Problem: »Wir haben auf unseren Dächern ja viele Sendeanlagen, daher ist die verfügbare Fläche recht klein. Da muss man prüfen, ob Investition und die tatsächliche Einsparung in einem guten Verhältnis stehen.«

Die wirtschaftliche Bewertung spielt allgemein immer eine wichtige Rolle. »Unser öffentlich-rechtlicher Auftrag verpflichtet uns in erster Linie Programm für die Menschen zu machen, es ist aber natürlich zusätzlich unser Ziel dieses klimaschonender umzusetzen.« so Natali. »Große Klimaschutzmaßnahmen benötigen meistens eine hohe Anfangsinvestition, die uns durch die unklare Situation der Beitragserhöhung erschwert wird.«

»Die gemeinsamen Ziele der ARD mit den Ideen und Interessen von Radio Bremen übereinzubringen, ist eine große Aufgabe.«

Natali Winter
 Leiterin Infrastruktur- und Gebäudeservice Radio Bremen & BREMEDIA PRODUKTION GmbH

Natali Winter

Es ist ein großer strukturelle Zusammenhang, in dem Radio Bremen und die BREMEDIA PRODUKTION GmbH stecken: das System der ARD. Dort tut sich aktuell aber sehr viel in Sachen Nachhaltigkeit. Jüngst haben die Intendant:innen beschlossen, dass Leitlinien für die ökologische Nachhaltigkeit entwickelt werden müssen, die für alle Rundfunkanstalten gelten sollen. Jede Rundfunkanstalt hat sich dazu entschieden, eine:n regionale:n Vertreter:in zu benennen. Mitte Juli hat ein Kollege von Natali diese Funktion übernommen. »Die gemeinsamen Ziele der ARD mit den Ideen und Interessen von Radio Bremen übereinzubringen, ist eine spannende und große Aufgabe. Man braucht Geduld und Zeit.« , so Natali.

In der Zwischenzeit ist man aber alles andere als untätig, im Gegenteil. So gibt es im Fuhrpark bereits Elektroautos und Fahrzeuge, die mit Erdgas angetrieben werden. Die Post wird mit Kurieren auf E-Lastenfahrrädern ins Funkhaus gebracht und aktuell wird ein Energiemanagementsystem aufgebaut, damit Energieverbräuche bald tagesaktuell vorliegen. Und auch die Mitarbeitenden werden dafür sensibilisiert, ihren ökologischen Fußabdruck zu verringern. »Kleinvieh macht auch Mist« , sagt Natali. »Licht in menschenleeren Toiletten und Standby-Betrieb von Rechnern, das muss nicht sein.«  Und weil Natali genauso auf die konstruktive Einbindung ihrer Kolleg:innen setzt wie Rüdiger, gibt es eine eigene interne Mailadresse für deren Fragen, Anmerkungen, Ideen und Wünsche.

Noch bis 2022 sitzen Rüdiger, Natali und die sechs anderen Teilnehmer:innen am Effizienztisch zusammen. Dann wird sich zeigen, ob das gemeinsame Ziel, 6,5 Prozent Energie einzusparen, erreicht wurde. Bremer Unternehmen, die nicht bis zu den nächsten Effizienztischen warten, sondern schon jetzt etwas für mehr Klimaschutz tun wollen, können sich jederzeit an energiekonsens wenden. Die Klimaschutzagentur bietet von themenbezogenen Beratungen bis hin zur ganzheitlichen CO2-Bilanzen eine Reihe an unabhängigen Hilfestellungen an. Viele davon werden gefördert, ein Großteil kann für Unternehmen im Land Bremen kostenfrei in Anspruch genommen werden.


Was interessiert die Generation Z?

Er schreibt für die WELT und die Wirtschaftswoche, hostet einen eigenen Wirtschaftspodcast, hat ein Buch veröffentlicht und bereits Spitzenpolitiker:innen wie Jens Spahn und Katrin Göring-Eckardt interviewt: Leonard Geßner. Das Besondere: Er ist gerade mal 16 Jahre alt.

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