Mittagspause für die Ohren: Mit Audio-Walks werdet ihr zu Tourist*innen in eurer Stadt

 

Warum nicht mal den Mittagspausenspaziergang zu einer Stadtführung machen? Mit Audio-Walks ist das gut möglich. Jacke an, Kopfhörer auf und einfach mal in der eigenen Stadt als Tourist*in unterwegs sein. Sandra hat’s ausprobiert und dabei auch viel darüber nachgedacht, welche Bedeutung die Sehenswürdigkeiten in Bremen für sie haben.

Text: Sandra Lachmann, Fotos: Jule Schlicht

Sehenswürdigkeiten? Da denk ich an den Kölner Dom, ans Brandenburger Tor, an den Hamburger Hafen. Ans Colosseum, den Eiffelturm und die Freiheitsstatue. An das, was Reiseführer uns als Highlights einer Stadt präsentieren. An Wahrzeichen, die umgeben sind von Tourist*innen mit Selfiesticks.

Bremens Wahrzeichen, das sind laut Suchmaschine die Bremer Stadtmusikanten, der Bremer Roland, die Böttcherstraße und der Schnoor. Und tatsächlich wird an diesen Orten das Smartphone von Besucher*innen am häufigsten gezückt. Doch was weiß ICH eigentlich über die Touristenhighlights meines Wohnortes?

Um ehrlich zu sein: nicht so sonderlich viel. Der Roland und die Kirche – die haben sich nicht so gut verstanden, oder? Die Bremer Stadtmusikanten sind der Sage nach nie in Bremen angekommen und in der Böttcherstraße arbeiteten früher die Fassmacher… Es sind eher anekdotische Schlagzeilen als kunst- oder gesellschaftshistorische Häppchen, die mein Wissen formen. Ein Phänomen, das alles andere als bremisch ist, sondern System hat.

Locals haben andere Interessen

Schon vor zwanzig Jahren kannte ich in meiner Wahl-Heimat Heidelberg stets alle Tresenkräfte des Studierendencafés namens »Marstall« beim Namen, das Baujahr des Heidelberger Schlosses und dessen Geschichte vergaß ich aber schneller als ich in Vorlesungen meinen Platz im Hörsaal finden konnte. Später in Berlin habe ich das Brandenburger Tor nicht einmal passiert, wusste aber immer, welcher Flohmarkt gerade angesagt ist. Auf den Philosophenweg marschierte ich vor allem dann, wenn meine Eltern mich in Heidelberg besuchten, Fotos von mir am Checkpoint Charly entstanden, wenn Freund*innen aus Unizeiten in die Hauptstadt kamen. Würde mir in einer Quizshow allerdings eine Frage zum berühmten Grenzübergang gestellt – ich wüsste nicht, ob ich sie beantworten könnte.

So geht es übrigens vielen in meinem Umfeld, mit denen ich in letzter Zeit über Sehenswürdigkeiten gesprochen habe. »Da bin ich eigentlich nur, wenn ich Besuch habe« – diesen Satz habe ich immer wieder gehört. Daran anschließend haben meine Gegenüber und ich dann meist darüber sinniert, welche Orte unsere Highlights in Bremen sind. Wo wir Tourist*innen hinschicken würden, damit sie Bremen so erleben wie wir es im Alltag gern tun. Vom Bunker Valentin und Ostertorviertel übers neue Metal Henge und den Bürgerpark bis hin zum Waller Sand und Rhododendronpark reichten die Antworten.

Wahrzeichen stiften Gefühl von Heimat

Sind klassische Sehenswürdigkeiten also wirklich nur für Tourist*innen relevant? Haben sie für die Menschen der Stadt, in der sie zu finden sind, überhaupt einen Nutzen. Nun ja, wenn ich mich dabei beobachte, was passiert, wenn im Fernsehen eine Reportage das Heidelberger Schloss zeigt, wenn beim Scrollen durch die Sozialen Medien die Siegessäule plötzlich auf meinem Display auftaucht oder wenn im Ausland jemand zu mir sagt, dass er die Stadtmusikanten natürlich kennt, würde ich sagen: Aber hallo, auf jeden Fall! In solchen Momenten entsteht nämlich – zumindest bei mir – ein wohliges Gefühl, das nur ein Zuhause spenden kann. Dann bin ich für einen Moment wieder die Heidelbergerin oder Berlinerin von früher. Oder die Bremerin, die stolz auf ihre Stadt ist. Wahrzeichen sind Identifikationsmomente – auch wenn man wenig über sie weiß.

Aber etwas mehr über sie zu erfahren, kann natürlich nicht schaden. Dachte ich mir jüngst und machte mich auf die Suche nach einer pandemiekonformen Möglichkeit, mich den Sehenswürdigkeiten in Bremen noch etwas mehr anzunähern. Und stolperte bei der Recherche über die Bremer LauschOrte, einen Audio-Walk.

Das Prinzip ist so einfach wie genial: An sieben Sehenswürdigkeiten – darunter durchaus auch etwas weniger bekannte – sind Hinweisschilder zu finden, die einen QR-Code zeigen. Handy zücken, QR-Code scannen – und schon gelangt man zu einem Audiofile. Was dann folgt, ist keine Abhandlung über die historischen Hintergründe des Kunstwerkes, das vor einem steht, sondern eine musikalisch hinterlegte literarische-poetische Annäherung. Assoziativ, ungewöhnlich, witzig, manchmal nachdenklich – so kommen die einzelnen Geschichten daher.

Bremer Kunstschaffende taten sich zusammen

Die Texte des Projektes wurden eigens von den Autor*innen Bas Böttcher, Anna Lott, Nora Bossong, Artur Becker, Sujata Bhatt, Anke Bär und Katharina Mevissen verfasst und von Bremer Schauspielerinnen und Schauspielern eingesprochen. Sieben Profi-Musikensembles der freien Bremer Szene – das Kammerensemble Konsonanz, das Ensemble New Babylon, das Bremer Barockorchester, Unspoken Consort, das Conrad Schwenke Quartett, das Namu Nonett und der Chor Northern Spirit – kommentieren die Texte schließlich musikalisch. Schließlich wurden die Texte und die Musik von Tonmeisterin Renate Wolter-Seevers und Toningenieur Frank Jacobsen im Sendesaal Bremen aufgenommen. So netzwerkt Bremen eben! Und auch auf anderer Ebene war das Projekt ein großer Erfolg: Für das Design des Projektes wurde die ausführende Bremer Agentur mit dem Deutschen Agenturpreis 2021 ausgezeichnet.

 

 

Viel neues Faktenwissen habe ich zwar nicht bekommen bei meiner Tour, aber einen vollkommen neuen Zugang zu Sehenswürdigkeiten wie dem Lichtbringer in der Böttcherstraße, dem Reiterdenkmal Bismarcks oder der an der Bremer Schlachte liegenden Bark »Alexander von Humboldt« (ja, genau, das bekannte Segelschiff aus der Becks-Werbung). Und ganz ehrlich: Ich glaube, die beim Hören entstandene Atmosphäre zu den Kunstwerken und die angestoßenen Diskurse werden bei mir vermutlich länger hängenbleiben als so manche Jahreszahl.

Mit Kopfhörern auf den Ohren fühlte ich mich an der Schlachte plötzlich von wogenden Wellen und klappernden Kombüsengeschirr umgeben. Vor dem Mahnmal für die Opfer der Novemberprogrome, das ich tatsächlich zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe, wird mir deutlich, dass Sehenswürdigkeiten enorm an Aufmerksamkeit verlieren, wenn sie nicht von einer Sitzgelegenheit umgeben sind. Und unterm Lichtbringer in der Böttcherstraße überlege ich, ob die Autorin in meinem Ohr recht hat, wenn sie sagt, dass Kunstwerke, die einst dem NS-Regime gewidmet waren, aus dem Stadtbild entfernt werden sollten.

Zum Nachdenken regt der Audio-Walk also definitiv an. Und er ist gerade in diesen Zeiten eine wunderbare Möglichkeit, die täglichen Spaziergänge gegen den Corona-Lagerkoller einmal anders zu gestalten als gewohnt.

 

 

Weitere Audio-Walks durch Bremen:

  • »Der Viertelflüsterer«: Begleitet den etwas knurrigen, aber sympathischen Viertelbewohner Rolli auf den Touren.
  • »Ein KZ für die Werft«: Der Audiowalk „Ein KZ für die Werft – Die Geschichte des KZ-Außenlagers ‚Schützenhof‘“ führt etwa 5,5 Kilometer durch den Bremer Stadtteil Gröpelingen.
  • »Bauten und Ideen« Mit diesem Audiowalk taucht man in die Geschichte des Stadtteils Gröpelingen und erfährt dabei Interessantes über seine Baukultur. Stationen sind unter anderem die Torhäuser, die den Startpunkt des Rundgangs bilden. Dazu kommen  Einblicke in die Entstehung des „Koloss von Gröpelingen“ und die Gründung der GEWOBA. Es geht zudem um die Arbeit im Hafen und den Niedergang der Werften, um Entwicklung sowie Modernisierung im Stadtteil.
  • »Bremen Hotspots«: Ein (leider nicht werbefreier) Audio-Quickie. In je 2 Minuten erfahrt ihr mehr über Rathaus, Roland, Ratskeller und Co.
  • »Hörsparziergang« für Kinder, Erwachsene und op platt: Der Audio-Guide führt euch ca. eine bis zweieinhalb Stunden durch die Innenstadt Bremens mit all seinen Highlight. Je Standort sind die Audiodateien zwischen drei und fünf Minuten lang.