Bye-bye Ausreden!

 

Muss erst ein Geheimcode geknackt werden, um mehr Frauen für die IT zu begeistern? Nein, wissen Eva Koball und Franca Reitzenstein. Und beweisen es mit dem Launch einer Wissenplattform. Sie hilft Unternehmen, weibliche IT-Karrieren zu fördern.

Text: Sandra Lachmann, Fotos: Shanice Allerheiligen

 

»Wir würden ja mehr Frauen einstellen, aber die bewerben sich nicht. Oder bleiben nur kurz.« Unzählige Male hat Franca Reitzenstein das von IT-Unternehmen schon gehört. Zustimmend genickt hat sie aber nie. Ihre Erfahrung ist eine ganz andere: »Geschlechter gleichberechtig anzusprechen und zu beschäftigen, geht auch in der IT. Wenn man wirklich will« , sagt die Bremerin. Und sie muss es wissen: Als geschäftsführende Gesellschafterin von neusta communications hat sie nicht nur selbst eine verantwortungsvolle Position in der Branche, sondern auch eine Reihe von Expertinnen als Kolleginnen.

 

Mehr als 70 Prozent der IT-Beschäftigten sind männlich

 

Dennoch: Der Anteil von Frauen in der IT-Branche beträgt aktuell etwas weniger als 30 Prozent. So ist ein Wirtschaftszweig zur Männersache geworden, in dem laut Historikerin Mar Hicks ursprünglich Frauen Pionierarbeit leisteten. Sie seien es gewesen, die in den 1950-er Jahren von der manuellen Datenerfassung auf die Arbeit an der Büromaschine umgestellt haben – und aufgrund zunehmender Komplexität erste Programme geschrieben hätten.

Heute nun also das umgekehrte Bild: Die Frauen sind in der Unterzahl. Gleichzeitig haben es Unternehmen schwer, Fachkräfte zu finden, obwohl die Gehälter der Beschäftigten in der IT-Branche im Vergleich zur Gesamtheit der Dienstleistungsbranche überdurchschnittlich hoch ausfallen. »Interessanterweise macht der Gender Pay Gap aber auch vor der IT nicht halt«, weiß Eva Koball von bremen digitalmedia, dem Interessenverband der Medien- und Informationstechnologie-Unternehmen des Landes Bremen. Im Herbst 2019 hat der Verband die Studie »Struktur und Entwicklungsperspektiven der IT-Branche im Land Bremen« in Auftrag gegeben, um genau herauszufinden, wie die IT-Wirtschaft in Bremerhaven und Bremen aktuell aufgestellt ist. »Die geschlechterbezogene Betrachtung hat gezeigt, dass Frauen in der Branche gut 20 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen«, so Koball. Und das ist im Rest des Bundesgebietes nicht anders.

 

Franca Reitzenstein Bremen

»Geschlechter gleichberechtigt anzusprechen und zu beschäftigen, geht auch in der IT. Wenn man wirklich will.« 

Franca Reitzenstein
Vorstand bremen digital media

 

Eine Diskriminierung, die Wissenschaftlerin Hicks schon für die Anfänge der Computertechnik nachweisen kann.  »Im Jahr 1955 wurde für die Mitarbeiter der öffentlichen Verwaltung das Prinzip der gleichen Bezahlung für gleiche Arbeit eingeführt. Nur eine Tarifgruppe wurde davon ausgeschlossen, die Büromaschinenarbeiter. Dieser gehörten Tausende Frauen an, deren Gehalt deutlich unter dem ihrer wenigen männlichen Kollegen lag. Die Gehälter der Frauen, hieß es, seien angemessen für die Art von Arbeit, die sie leisteten«, so Hicks in einem Interview mit der brand eins.

 

Unternehmen: »Mitarbeitende zur rekrutieren scheitert an mangelnden Qualifikationen«

 

Aber zurück ins Jahr 2021. Die Situation ist eindeutig: Eine wachsende finanzstarke Arbeitgeberseite mit vielen offenen Stellen steht einer zu geringen Zahl an potenziellen Arbeitnehmer:innen gegenüber. Was auf Bundesebene gilt, bestätigt sich auch in der Bremer Studie: Für knapp drei Viertel der Unternehmen gestaltete es sich in jüngster Vergangenheit schwierig, Stellen zu besetzen. Bei über 40 Prozent der Unternehmen ist manchmal keine einzige Bewerbung für eine ausgeschriebene Stelle eingegangen. Wie erklärt sich die Branche das? Koball: »Hauptgründe dafür sehen die Firmen laut Studie in mangelnden fachlichen Qualifikationen, unzureichenden Sprachkenntnissen und sonstigen Eigenschaften der Bewerber:innen.«

 

bremen digitalmedia: »Rekrutierung scheitert an mangelnder Gender-Balance«

 

Doch Eva Koball von bremen digitalmedia und Franca Reitzenstein, die dort zum Vorstand gehört, ist es zu wenig, bei der Suche nach den Ursachen nur auf die Arbeitnehmer:innen und ihre Qualifikation zu zeigen. Auch die Arbeitgeber:innen könnten etwas dafür tun, mehr Frauen für die IT zu begeistern und zu rekrutieren. Das sollten sie sogar ganz dringend, meint Reitzenstein: »Wer sein IT-Unternehmen zukunftsfähig aufstellen will, der muss an die Geschlechter-Balance denken und an ihr arbeiten«.

Um Unternehmen ihre bislang ungenutzten Chancen aufzuzeigen und gleichzeitig Wissen zum Ergreifen ebendieser zu vermitteln, hat bremen digitalmedia jüngst eine Plattform zu Gender Equality & Diversity gelauncht: »Avanja«. Mit ihr will der Verband aktiv dazu beitragen, die Frauenquote in der IT zu steigern.

 

Plattform für Gender Equality: Avanja zeigt, wie Frauen besser erreicht werden können

 

Avanja widmet sich konsequent vier Feldern: Nachwuchs, Führung, Bindung und Recruiting. „Die Plattform verfolgt einen pragmatischen lösungsorientierten Ansatz, in dem sie konkrete Hilfen und Ideen beschreibt, wie Frauen besser zu erreichen sind«, erläutert Franca Reitzenstein.  »Unternehmer:innen, die ernsthaft mehr Frauen für sich gewinnen wollen, finden hier einen Pool an Möglichkeiten.« Und für alle, die überhaupt erst einmal herausfinden möchte, wie es im eigenen Betrieb um die Geschlechter-Balance bestellt ist, gibt es einen Balance Score.

Mit dem Projekt Avanja setzt der Verband dort an, wo er es seinem Vereinszweck und seiner Struktur entsprechend am besten kann: bei den Arbeitgebenden und deren Organisationsstruktur und -kultur. Eva Koball weiß, dass das ein wichtiger Schritt hin zu mehr Gendergerechtigkeit in der IT ist, erinnert aber auch an andere, die im Lebenslauf einzelner Menschen bereits zuvor zu gehen wären: »Wünschenswert wäre es natürlich, dass schon Kinder klischeefrei gefördert und begleitet werden. Dass es beispielsweise nicht für Verwunderung sorgt, dass ein Mädchen am Kunstunterricht weniger Interesse hat als an Mathematik.«

»Gerade für Frauen ist die IT-Branche perfekt: Kind und Karriere lassen sich besser vereinbaren als anderswo.«

Eva Koball
 bremen digital media

Eva Koball von bremen digital media

Mehr Frauen in die IT: »Role Models fehlen“

 

Rollenklischees machten es Frauen unnötig schwer, eine IT-Karriere für sich überhaupt in Betracht zu ziehen. Und für Eva Koball ist ganz klar: »Es gibt viele Frauen, die in der IT arbeiten könnten. Definitiv! Wenn es endlich mal die Runde machen würde, dass die Branche nicht von dem Klischee des einsamen, im Dunkeln an ihren Computern sitzenden Tech-Spezialisten dominiert wird, sondern für viele Kompetenzen spannende vielfältige Projekte bietet, dann würde sie auch für Frauen interessanter.« Das könne jedes einzelne Unternehmen sichtbar machen – zum Beispiel durch passende Formulierungen von Stellenanzeigen oder durch Role Models, die in der Öffentlichkeit über ihren Werdegang und ihr Tun sprechen.

»Dadurch würde ganz sicher ein Kreislauf in Gang gesetzt: Das Interesse von Frauen würde geweckt, die Zahl von Bewerberinnen steigen, und wenn dann mehr Frauen tatsächlich die Stellen bekommen, ziehen weitere nach.« Das Ergebnis ihrer Studie, dass Unternehmen fachliche Qualifikationen bei Bewerber:innen vermissen, weist bremen digitalmedia derweil nicht von der Hand. »Das Problem kann Avanja nicht lösen, aber es gibt unter unseren Mitgliedern Unternehmen, die das tun« , so Koball. Ganz konkret: die cbm GmbH, die seit 1994 den IT-Weiterbildungsmarkt in Bremen gestaltet. Zusammen mit der Agentur für Arbeit Bremen-Bremerhaven und der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa hat die cbm GmbH im Mai die IT-Offensive »Frauen starten digital durch« ins Leben gerufen.

Die erste Maßnahme: eine geförderte Weiterbildung, in der arbeitslose Frauen herausfinden können, welche Möglichkeiten die digitale Berufswelt für sie potentiell bietet. Jeweils zwölf Frauen können an dem vierwöchigen IT-Workshop teilnehmen. Die Nachfrage ist groß, die kommenden Kurse sind bereits ausgebucht.

Mehr weibliche Karrieren in der IT – das kann also klappen. Mit Arbeitgebenden, die Frauen gezielter ansprechen und fördern. Und mit Frauen, die sich einen eigenen Eindruck von Berufen in der IT machen. Avanja und »Frauen starten digital durch« machen es vor.

Text: Sandra Lachmann

 


Was interessiert die Generation Z?

Er schreibt für die WELT und die Wirtschaftswoche, hostet einen eigenen Wirtschaftspodcast, hat ein Buch veröffentlicht und bereits Spitzenpolitiker:innen wie Jens Spahn und Katrin Göring-Eckardt interviewt: Leonard Geßner. Das Besondere: Er ist gerade mal 16 Jahre alt.

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