Better together: Potenziale genossenschaftlicher Wohnprojekte

 

Generationsübergreifend, ökologisch, solidarisch und bezahlbar – in Bremen gibt es einige genossenschaftliche Wohnprojekte, die diese Ziele als Gemeinschaft verfolgen und damit die Gesellschaft bereichern wollen. Wir haben Franziska Duda besucht, die im Habenhausener Wohnprojekt »StadtWeltRaum« wohnt, und uns einen Eindruck verschafft, wie die Umsetzung solcher Projekte konkret aussehen kann.

Text: Elena Tüting, Fotos: Vera Döpcke

Franziska Duda ist 34 Jahre alt, arbeitet als Referentin Ausbildung bei HANSA-FLEX und ist im Oktober 2021 aus ihrer WG in das Wohnprojekt StadtWeltRaum in Habenhausen gezogen. Die Idee, als Gemeinschaft ein Haus zu kaufen und als Wohnprojekt zu nutzen, hatte sie bereits an ihrem vorherigen Wohnort in Nürnberg gereizt. »Ich wohne einfach sehr gerne mit anderen Menschen zusammen, habe bisher immer in WGs gewohnt und meine Erfahrungen damit sind mit dem Alter immer besser geworden.« Allerdings seien WGs für viele nur eine vorübergehende Station, bis sie mit dem Partner oder der Partnerin zusammenziehen oder sich allein eine Wohnung leisten können. Daher werde meist nicht so viel Mühe in die Gestaltung des gemeinsamen Wohnraums gesteckt, zeigen Franziskas Erfahrungen. Sie hingegen hat mittlerweile Lust, Wurzeln zu schlagen und sich etwas Längerfristiges aufzubauen. Zusammen mit anderen.

Mit diesem Wunsch ist sie 2021 nach verschiedenen anderen Stationen für Studium und Arbeit zurück in ihre Heimatstadt Bremen gezogen. Zunächst wieder in eine WG zur Miete, doch dann stieß sie zufällig auf das Mitbewohnergesuch des Wohnprojekts StadtWeltRaum, von dem sie bereits vorher gehört hatte.  »Das hat zeitlich eigentlich gar nicht so gut gepasst, da ich ja gerade erst in Bremen angekommen war, aber die Gelegenheit konnte ich mir nicht entgehen lassen.«

Seit knapp einem halben Jahr wohnt sie nun mit elf Personen, einem Hund und einer Katze in dem Wohnprojekt  –  verteilt auf zwei Häuser und einen großen Garten. Die beiden Häuser sind nach dem Kauf durch die Wohngenossenschaftsgründerinnen Petra und Mirjam zu sogenannten »Clusterwohnungen« ausgebaut worden. Clusterwohnen ist eine Variante, bei der private Wohneinheiten und Gemeinschaftsräume miteinander verbunden werden. In der Wohngemeinschaft von Franziska Duda sieht das konkret so aus, dass jede*r über seinen eigenen Privatbereich aus ein oder zwei Zimmern mit eigenem Badezimmer verfügt, und die restlichen Räume wie Küche, Wohn- und Esszimmer, Abstellräume, Flure und der Außenbereich Gemeinschaftsräume sind.

 

 

Was genau ist eine »Wohngenossenschaft« überhaupt?

Wohnungsgenossenschaften haben das Ziel, ihre Mitglieder mit bezahlbarem und sicherem Wohnraum zu versorgen. Die Genossenschaft fungiert dabei als Eigentümer der Wohnungen und nicht die einzelnen Mitglieder. Jedes Mitglied kauft Genossenschaftsanteile, die bei Austritt wieder zurückgezahlt werden. Somit hat auch jedes Mitglied in der Mitgliederversammlung eine Stimme. Die Mitglieder müssen außerdem einen Vorstand wählen und zweimal im Jahr Versammlungen abhalten. Jedes Mitglied hat mit seinem Dauernutzungsvertrag ein lebenslanges Wohnrecht in seiner Genossenschaft (außer bei schwerwiegenden Verstößen gegen die Satzung), Eigenbedarfskündigungen gibt es nicht. Es besteht also eine »eigentumsähnliche Sicherheit«.

Zum Grundstück der StadtWeltRaum-Gemeinschaft zählen außerdem ein großer Garten, in dem Gemüse angebaut, gegrillt oder gewerkelt wird, und ein Garagenanbau, der für verschiedene Hobbies genutzt werden kann, sowie eine Sauna. »In der Gemeinschaft können wir viel mehr Projekte umsetzen und Anschaffungen machen, für die allein oder zu zweit gar keine Ressourcen da wären.« Franziska Duda findet es großartig, dass sie durch ihre Mitbewohner*innen viele Dinge kennenlernt und ausprobieren kann, mit denen sie sich von selbst gar nicht beschäftigen würde.

 

»Durch das Zusammenleben mit anderen kann ich mich persönlich weiterentwickeln. Es geht mir darum, Teil einer Gemeinschaft zu sein, deren Mitglieder eigene Bedürfnisse haben. Durch Gespräche, Klärung von Konflikten, Verstehen anderer Sichtweisen, anderer Geschmäcker oder Kennenlernen anderer Talente kann ich ganz viel über mich lernen.«

Franziska Duda, Referentin Ausbildung bei HANSA-FLEX

Als Wohnprojekt das Quartier beleben

Und genau diesen Aspekt des gemeinschaftlichen Wohnens, der über die reine Finanzierung und Pflege des Hauses hinausgeht, verfolgen die Gründer*innen des Vereins, der zusätzlich zur Genossenschaft ins Leben gerufen wurde, um mit ihren Ideen über das Wohnprojekt hinaus in das Quartier wirken zu können. Das StadtWeltRaum-Projekt will nicht nur für die eigenen Mitglieder einen bezahlbaren und nachhaltigen Wohnraum schaffen, sondern darüber hinaus mit Aktionen und Projekten die Nachbarschaft beleben. Sie wollen ein echtes „Zuhause“-Gefühl im Quartier entstehen lassen, das langfristig gesellschaftlichen Mehrwert und Zusammenhalt schafft. Wie das konkret aussehen kann, verdeutlicht die künstlerische Gestaltung der Straßenlaterne vor dem Grundstück, die in einer nachbarschaftlichen Aktion mit Patchworkart verkleidet wurde. Auch der Fahrradständer vor dem Haus ist mit einem bunten Stricküberzug verschönert worden. Weitere Projekte sind ein Büchertauschschrank und eine Wildblumenwiese, die in dem Wohnviertel in Habenhausen angelegt wurden. 

Engagement für solidarischen Wohnraum

Die Gründerinnen haben 2016 das erste der beiden Häuser gekauft und zu drei Wohneinheiten umgebaut. Als 2019 das Nachbarhaus zum Verkauf angeboten wurde, konnten sie ihren Traum von einem größeren Wohnprojekt umsetzen und gründeten mit der Unterstützung weiterer Mitstreiter*innen die Genossenschaft, um das Haus zu kaufen und zu fünf weiteren Clusterwohnungen auszubauen. Dabei war ihnen wichtig, das alte Haus zu erhalten und gleichzeitig energieeffizient zu sanieren. Die Gründerinnen sind sehr engagiert, treiben das Thema des genossenschaftlichen Wohnens auch politisch voran und engagieren sich in Netzwerken mit weiteren Wohnprojekten.

»Für das Starten eines solchen Wohnprojektes sind sehr viele Ressourcen notwendig, und zwar nicht nur finanziell, sondern auch kognitiv und zeitlich. Man muss sich da schon in einiges reinfuchsen und auch den Mut haben, das dann umzusetzen«, erzählt Franziska. Aus ihrer Sicht werde diese Form des Wohnens  staatlich noch viel zu wenig gefördert, obwohl  Gründer*innen solcher Projekte  viel Geld in den Erhalt von alter Bausubstanz und sicherem Wohnraum investieren, mit dem sie keinen finanziellen Gewinn machen. Auch Franziska zahlt nicht nur einen Nutzungsbeitrag, sondern will bald mit 50.000€ in die Genossenschaft einsteigen. Sollte sie wieder ausziehen wollen, würde ihr der Nennwert wieder ausgezahlt werden. Eine Rendite, wie es bei anderen Immobilien vielleicht der Fall wäre, gibt es dann nicht. »Bei dem Thema sind dann viele raus, weil sie denken, dass das Geld verschenkt ist, weil ich es nicht gewinnbringend investiere. Aber genau das ist ja der Grund, warum der Wohnraum so teuer ist, weil alle Gewinn daraus schlagen wollen.«

Dennoch habe sie Verständnis dafür, dass andere ihre Häuser als Altersvorsorge sehen und an ihre Kinder vererben wollen. Am Anfang ist das Wohnen in einer Genossenschaft also keine günstige Angelegenheit, sondern eine Investition in die Zukunft. Menschen, die in Genossenschaften solidarischen Wohnraum für die Zukunft schaffen und erhalten, sollten daher steuerliche Vorteile bekommen oder anderweitig unterstützt werden, meint Franziska. Bislang zahlt die Genossenschaft den Kredit für das Haus noch ab, wie sie danach mit den Zahlungen umgehen wollen (beispielsweise wie hoch der Nutzungsbeitrag dann sein wird oder welchen Betrag neue Bewohner*innen dann zahlen müssen) ist noch nicht geklärt. 

 

»Eine Familie ist doch auch eine WG«

Das Zusammenleben in Franziskas Hausgemeinschaft ist typisch WG-mäßig locker. Alle Bewohner*innen sind zwischen 20 und Mitte 30, berufstätig und kommen gerne abends in der Küche zum gemeinsamen Kochen oder Quatschen zusammen. »Das ergibt sich eigentlich durch die Gemeinschaftsräume von ganz alleine. Heute hatten meine Mitbewohnerin Rebecca und ich beide Homeoffice und haben am Esstisch gemeinsam gearbeitet und zusammen Mittagessen gemacht.« Es gibt noch nicht viele feste Rituale, da die Gemeinschaft noch nicht lange zusammenlebt und erst noch zusammenwächst. Das beinhaltet auch, dass viele Themen wie Ruhebedürfnisse, das Teilen von Dingen, die Gestaltung der Gemeinschaftsräume noch abgestimmt und diskutiert werden müssen. 

 

Dafür gibt es das wöchentliche Plenum, bei dem alle Bewohner*innen beider Häuser zusammenkommen und diese Themen besprechen können. »Bei vielen gehen die Alarmglocken los, wenn sie Plenum hören«, sagt Franziska und lacht. »Dabei ist es doch für alle, die zusammenleben, ob nun Paare, Familien oder WG‘s sinnvoll regelmäßig das Zusammenleben zu besprechen.«

Zweimal im Jahr veranstaltet die Genossenschaft eine Versammlung aller Mitglieder, damit wird  im Sommer ein großes Gartenfest und im Winter die Weihnachtsfeier verbunden. Für die Zukunft gibt es noch viele Gestaltungsräume für die Gemeinschaft: Ateliers im Anbau, einen Holzhackplatz, eine Terrasse im hinteren Teil des Gartens, ein Lehmofen… Die Liste der geplanten Projekte ist lang und sogar ein Bauplatz für ein weiteres Haus auf dem Gelände ist vorhanden. »Wir müssen sehen, wie sich unsere Leben in den nächsten Jahren entwickeln, ob Partner oder Kinder dazukommen und wie wir das dann als Gemeinschaft tragen können.« Das Wohnprojekt birgt also noch viel Entwicklungspotential.

 

Wollt ihr auch in ein genossenschaftliches Wohnprojekt ziehen? In Bremen gibt es bereits einige Projekte, die ihr auf dieser Webseite versammelt findet. Oder wollt ihr selbst ein Wohnprojekt gründen? Dann kann euch das Mietshäuser Syndikat beratend unterstützen.