Digitales Co-Working gegen den Homeoffice-Blues

 

In einer zoom-Session anderen Menschen beim Arbeiten zusehen, um selbst produktiv zu werden – klingt merkwürdig, ist aber inzwischen gar nicht mal so selten. Digitales Co-Working als Antwort auf die Einsamkeit im Homeoffice. Wir haben mal nachgehorcht, was es damit auf sich hat.

Text: Sandra Lachmann, Fotos: privat

 

Mit Skype ein Unternehmen führen

Ben Jurca führt gemeinsam mit Astrid Hesse seit 2017 das Designstudio »Bas&Aer«. Die ersten Jahre waren beide in Bremen zuhause. 2021 ist Astrid nach Berlin gezogen. Seitdem führen sie drei von vier Arbeitswochen im Monat eine long distance-Arbeitsbeziehung.

Ben, welche Gedanken hattet ihr euch vor Astrids Umzug über eure Kommunikation im Arbeitsalltag gemacht?

Schon einige. Uns war bewusst, dass wir in der neuen Situation darauf achten müssen, unsere persönliche Beziehung und unsere Arbeitsroutinen aktiv zu gestalten. Wir haben unter anderem ein befreundetes Designduo, das ebenfalls auf zwei unterschiedliche Städte verteilt ist, gefragt, wie sie es machen und welche Tipps sie haben. Und wir haben uns ein paar Sachen überlegt, um sicherzustellen, dass alles bestmöglich funktioniert.

Welche sind das konkret?

Wir haben zunächst mal Arbeitszeiten definiert: 32 Stunden auf fünf Werktage verteilt. So können wir uns gut erreichen. Zwei bis drei Stunden durchschnittlich pro Tag sind wir über Skype verbunden und besprechen vorher festgelegte Themen oder rufen uns einfach nur mal spontan etwas rüber.

Die aus meiner Sicht wichtigste Maßnahme auf der arbeitsorganisatorischen Ebene ist definitiv – auch wenn das manchmal zäh und nervig ist – unser weekly am Montag, in dem wir die Woche planen. Und unsere Entwicklungs-Meetings. Das sind analoge Treffen, wo wir uns Zeit nehmen zu schauen, was gerade so bei uns passiert, wie zufrieden wir damit sind und wie es weitergehen soll. Außerdem sehen wir uns eine Woche pro Monat in Präsenz, entweder hier in Bremen oder eben in Berlin. In diesem Jahr werden wir außerdem eine gemeinsame Reise nach Tunesien unternehmen, um dort an gemeinsamen Projekten zu arbeiten und gleichzeitig gemeinsam etwas zu erleben. Das war damals auch ein Tipp von unserem befreundeten Designduo: ab und zu mal zusammen verreisen, um die persönliche Verbindung zu stärken.

Welchen Unterschied nimmst du zwischen der Zeit, in der ihr analog in einem gemeinsamen Büro zusammensaßt, und eurem heutigen Workflow wahr? 

Wir fragen uns nicht mehr jede Kleinigkeit. Durch die räumliche Distanz arbeiten wir ein bisschen unabhängiger, das hat positive und negative Seiten. Grundsätzlich profitieren wir sehr davon, dass wir in den ersten Jahren gemeinsam an einem Ort saßen und in der Zeit schon eine Basis für unser Miteinander gelegt haben. Auch bei schnöden Sachen wie Dateiablage oder so.

Gibt es ein Tool, das du anderen Gründer*innen, die an unterschiedlichen Orten sitzen, empfehlen würdest?

Da habe ich jetzt keine besonderen Tipps, da ist ja jeder anders. Ich strukturiere beispielsweise sehr gern und kleinteilig digital, Astrid organisiert sich mit Stift und Papier. Viel wichtiger finde ich wirklich, wie eingangs gesagt, dass man sich Zeit nimmt, über die verschiedenen Bedürfnisse im Arbeitskontext zu sprechen, die in Teams zusammenkommen. Und verlässliche Absprachen trifft. Zum Beispiel für interne Termine. Wieviel Verspätung ist da okay? Drei Minuten? Fünf? Gar keine? Solche Sachen. Das ist ein wichtiger Findungsprozess.

Das ist das einzige, was ich Gründer*innen grundsätzlich, aber vor allem dann, wenn sie an unterschiedlichen Orten sind, mitgeben würde: Seid euch bewusst, dass Zusammenarbeit gestaltet werden muss und nicht einfach so passiert, weil alle Menschen ganz anders ticken.

 

Bei Instagram Wissen und Struggle teilen

Im ersten Corona-Lockdown konnte Cordelia Röders-Arnold nicht wie gewohnt tageweise vom Hamburger Umland zu ihrem Arbeitgeber »einhorn« nach Berlin pendeln und suchte deshalb nach motivierenden Routinen für den einsamen Arbeitsalltag. Dabei entstand die Idee eines digitales Co-Workings bei Instagram.

Cordelia, erinnerst Du dich noch an die Situation, in der Du zum ersten Mal bei Instagram zu einem gemeinsamen Co-Working aufriefst?

Auf jeden Fall. Es war Mitte März und es hatte gerade allen gedämmert, dass die, die irgendwie zuhause bleiben können, in den nächsten Wochen von zuhause arbeiten würden. Das thematisierte ich bei Instagram und bekam dazu viele Nachrichten. Menschen schrieben »Ich bin jetzt auch im Home Office und komme überhaupt nicht klar« oder »Ich finde keine Struktur im Arbeiten von zuhause«. Durch meine Pendelei hatte ich schon ein Jahr Home Office-Erfahrung an zwei Tagen die Woche und mir Techniken wie die Pomodoro-Technik zunutze gemacht. Ich dachte: »Gut, dann machen wir das jetzt einfach zusammen.« Und so startete ich das Co-Working.

Die Umsetzung war im Kern sehr niedrigschwellig: Du hast einfach ein Insta-Live gestartet und andere konnten Dir beim Arbeiten zuschauen. Fühlte sich das nicht merkwürdig an?

Ja, so wie es sich immer merkwürdig anfühlt, wenn man etwas Neues probiert und denkt »Interessiert das irgendjemanden? Kommt da überhaupt wer? Findet meine ehemalige Kollegin, von der mir merkwürdiger Weise noch immer wichtig ist, was sie von meiner Arbeit hält, das vielleicht bescheuert?«. Diese Gedanken und Zweifel wahrzunehmen und sie dann hinter sich zu lassen gehört ja immer dazu, wenn man sich aufs Neue sichtbar macht und sich »in die Arena begibt«, wie Brené Brown so schön sagt. In der Arena war ich dann ja nicht alleine – um noch weitere Perspektiven und Tipps für die Arbeit im Homeoffice zu bekommen (und ehrlich gesagt auch, um nicht ganz allein vor der Kamera zu sitzen), lud ich mir für jeden Morgen inspirierende Gründerinnen ein, zum Beispiel Natascha Wegelin, besser bekannt als Madame Moneypenny, oder die Aktivistin und Autorin Kübra  Gümüşay. So konnte ich das Co-Working für mich nutzen, um mich mit spannenden Menschen zu vernetzen. Wir schnackten eine halbe Stunde live über Coronasituation, Weltgeschehen und Homeoffice-Tipps – und dann verabschiedete ich mich von meiner Gästin und startete das eigentliche Co-Working.

Wie war die Resonanz? Wer hat teilgenommen?

Über 100 Menschen hatten sich einen Reminder für das erste Co-Working eingestellt und am nächsten Morgen erschienen dann mehr als 300 Menschen – das war für meinen eher kleinen Kanal echt viel. Mitgemacht haben ganz unterschiedliche Follower*innen, unter anderem übrigens auch die ehemalige Kollegin, die mir später erzählte, dass sie sich das Live morgens immer beim Frühstückmachen angehört hat – statt Podcast oder Radio. Zwischendurch, in den Pomodoro-Pausen schaltete ich Follower*innen in das Live, die dann von ihren Herausforderungen und Erfahrungen im Homeoffice sprachen – das war sehr verbindend. Irgendwann kam das ZDF auf mich zu und wollte über das Digitale Co-Working berichten – das lief dann tatsächlich zwei Tage später im Fernsehen – was wieder zeigt, dass die verrücktesten Dinge passieren können, wenn man sich nur traut, Neues auszuprobieren.

Was hast Du in den acht Wochen, in denen Du nahezu täglich von 9 Uhr bis 10 Uhr live gegangen bist, über Dich und Deine Bedürfnisse im Homeoffice gelernt, was dir heute noch hilft?

Vor allem hat sich für mich wieder bestätigt, dass, wenn sich eine Situation für mich herausfordernd anfühlt, es im selben Moment mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sehr vielen Menschen genauso geht und es nie falsch ist, das zu adressieren und die Situation zusammen zu bestreiten. Für die Menschen, die ich durch die Lives kennengelernt habe, bin ich besonders dankbar. Es liegt nicht in meinem Naturell, besonders unbeschwert auf andere zuzugehen, geschweige denn, sie zu etwas einzuladen – das konnte ich in Vorbereitung auf die Co-Working-Lives üben und feststellen, es ist ein bisschen wie mit dem Sport: Wenn’s sein muss, kann ich das, es tut nicht mal weh und danach fühlt man sich super.

 

Mit zoom die Prokrastination überwinden

Celsy Dehnert arbeitet als freie Texterin und Dozentin seit 2016 im Homeoffice. Auf Instagram hat sie sich in den letzten Jahren eine stabile Community aufgebaut, zu der auch zahlreiche Selbständige gehören – und (nicht nur) die lädt sie regelmäßig zu Co-Working-Sessions über Zoom ein.

Celsy, wie bist du auf die Idee gekommen?

Mich plagte die Einsamkeit des Homeoffice schon eine Weile. Schon vor der Pandemie habe ich hin und wieder Skype-Lunches mit anderen freiberuflichen Kolleginnen abgehalten, um nicht so ganz allein zu sein. Als im Frühjahr 2021 abzusehen war, dass das mit dem Homeoffice wohl noch eine Weile so bleiben wird, hab ich gedacht: Warum schaffe ich mir selbst nicht einfach die Gesellschaft, die mir fehlt? Also habe ich meine Insta-Community gefragt, ob sie Bock hat, mit mir zusammen am Schreibtisch zu sitzen. Seit Mai 2021 lade ich also zum digitalen Co-Working ein.

Du organisierst das gemeinsame digitale Arbeiten auch abends. Warum?

Mein digitales Co-Working findet im wöchentlichen Wechsel einmal pro Woche vormittags bzw. abends statt. Zuerst haben wir uns nur vormittags getroffen. Es meldeten sich aber immer mehr Menschen aus meiner Steady-Community, die gern teilnehmen wollten, aber vormittags in einem Angestelltenjob arbeiten und deshalb nicht bei mir in der Zoom-Konferenz sitzen konnten. Da ich das Co-Working mittlerweile als exklusives Goodie für meine Steady-Abonnent*innen anbiete, habe ich dann den Rhythmus verändert: Von wöchentlich vormittags zu drei Mal im Monat vormittags und einmal im Monat abends. Nach dem ersten Termin am Abend war der Andrang für das Abend-Co-Working aber SO groß, dass ich beschlossen hab, wir wechseln jetzt wöchentlich zwischen vormittags und abends.
Dass die Nachfrage für vormittags und abends gleichermaßen groß ist, liegt auch an der Zusammensetzung meiner Community. Das Co-Working wird nämlich nicht nur von Selbstständigen in Anspruch genommen. Es sind auch einige dabei, die in Teilzeit angestellt und in Teilzeit selbstständig sind. Oder die eine Fort- bzw. neue Ausbildung machen oder studieren und während des Co-Workings dann lernen. Manche Autorinnen nutzen das Co-Working, um regelmäßig zu schreiben. Wieder andere erledigen privaten Kram, nähen oder putzen sogar. Und es sind auch Mütter dabei, die oft noch Dinge erledigen oder arbeiten, wenn die Kinder schlafen.

Wie muss ich mir so einen Termin konkret vorstellen?

Wir treffen uns vormittags um 9:30 Uhr, abends um 20 Uhr. Zuerst schnacken wir eine Viertelstunde, lernen uns ein bisschen kennen und kommen an. Dann stellt jede einmal vor, was sie sich an dem Tag so vorgenommen hat. Anschließend arbeiten wir in Intervallen von 45 Minuten. Das heißt, wir lassen die Kameras an, machen aber die Mikros stumm und jede arbeitet ab, was bei ihr gerade so anliegt. Nach jeweils 45 Minuten machen wir 10 bis 15 Minuten Pause zum Schnacken und Co. Dann wird wieder 45 Minuten gearbeitet. Vormittags schaffen wir drei solcher Runden, abends zwei.

Stellt ihr euch ToDos gegenseitg vor und feiert ihr dann am Ende auch das, was ihr geschafft habt?

In den Pausen und zum Abschluss frage ich, wie es so läuft bzw. gelaufen ist und dann feiern wir Erfolgserlebnisse oder tauschen Tipps aus, wenn es bei einer von uns mal nicht so vorangeht wie gewünscht. Insgesamt sind die Runden, trotz wechselnder Zusammensetzung, immer sehr wertschätzend und warmherzig miteinander. Das liebe ich an meinem Co-Working am meisten!

Für wen ist digitales Co-Working aus deiner Sicht gut geeignet und was kann es bewirken?

Ich glaube, digitales Co-Working eignet sich für alle, die beim Arbeiten bzw. für bestimmte To-Do‘s Gesellschaft wollen und brauchen, um fokussiert zu bleiben. Wir machen in unseren Runden immer wieder die Erfahrung, dass das Co-Working gerade für Aufgaben, die man eher vor sich herschiebt, wirklich eine großartige Hilfe ist, um die Sachen einfach mal durchzuziehen und hinter sich zu bringen. Ich glaube, dadurch, dass man quasi schon „unter Menschen“ ist, hilft das Co-Working auch, weniger in den Sozialen Medien herumzuscrollen, weil das Bedürfnis nach Gemeinschaft und Verbundenheit im Co-Working selbst ja schon erfüllt wird. Nicht zuletzt durchbricht das digitale Co-Working die Einsamkeit, die sich im Homeoffice einstellen kann, und hilft, wieder in kreativen Austausch zu kommen. Bei Modellen wie meinem, in denen die Zusammensetzung der Runden immer wechselt, ist das digitale Co-Working außerdem eine großartige Gelegenheit, zu netzwerken und neue Kontakte zu knüpfen.

 

 

Mit Co-Writing zur Doktorarbeit

Elena Tüting schreibt nicht nur für unser Magazin und arbeitet in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Kulturzentrum Schlachthof – sie hat jüngst auch ihren Doktor in Literaturwissenschaft gemacht. Inklusive digitalem Co-Working. Bei ihr war es die Universität, die das Angebot geschaffen hat.

Eine Doktorarbeit zu schreiben, ist im Rahmen von Corona vermutlich noch einsamer als ohnehin schon, oder?

Ja, eine Doktorarbeit zu schreiben ist immer eine einsame Angelegenheit. Schon vor Beginn der Pandemie bin ich deshalb zu Co-Writing Angeboten in der Universität gegangen oder habe mich mit Kolleg*innen zum gemeinsamen Schreiben verabredet. Aber als dann diese Möglichkeiten durch den Lockdown weggefallen sind, wurde es zuhause richtig einsam, da dann nicht mal mehr die gemeinsame Kaffeepause oder der Plausch auf dem Flur mit Kolleg*innen möglich war.

Hast Du direkt daran geglaubt, dass ein digitales Co-Working einen guten Effekt auf dich haben könnte oder warst du erst skeptisch?

Da ich durch das gemeinsame Schreiben in der Universität wusste, dass mir das Co-Working sehr hilft, war ich sehr froh, als die Co-Writing Gruppe dann auch digital angeboten wurde. Und tatsächlich hat es für mich digital genauso gut funktioniert wie live. Ich hatte dann sogar mit den anderen Doktorand*innen eine Whats-App Gruppe, in der wir uns außerhalb der Co-Writing Sessions zu gemeinsamen Arbeitszeiten und Pausen verabredet haben, weil wir dadurch motivierter und weniger allein waren.

Wie lief das denn konkret ab?

Technisch haben wir das ganze über eine Zoom-Videokonferenz gemacht. Der Ablauf der Co-Writing Sessions war immer so, dass wir uns als erstes ausgetauscht haben, wie es uns geht und was unsere Ziele für den heutigen Tag sind. Und dann haben wir in 25 Minuten Blöcken gearbeitet und zwischendurch Pausen mit kleinen Dehn- und Lockerungsübungen gemacht oder einfach nur kurz gequatscht. In der Lockdown-Zeit war der persönliche Austausch zum Teil wichtiger als die gemeinsame Arbeitszeit, weil einige der Doktorand*innen gerade erst nach Bremen gezogen waren und noch gar kein anderes soziales Netzwerk hatten.

Welchen Effekt hat es auf Dich gehabt?

Ich bin durch das gemeinsame Arbeiten einfach viel motivierter und konzentrierter gewesen. Dadurch, dass man sich über die Ziele für die Arbeitszeit austauscht und dann gemeinsam still arbeitet, lässt man sich weniger schnell ablenken. Und auch wenn Blockaden und Probleme auftauchen, lassen sich diese meist durch den Austausch mit den anderen schneller lösen als alleine. Häufig habe ich an dem einen Tag Co-Writing mehr geschafft als in der ganzen restlichen Woche.