Casino Futur: Vier Etagen - unzählige Möglichkeiten

Wenn in einer Stadt an prominenter Stelle ein neues Gebäude entsteht, ist die Spannung groß, was dort künftig beheimatet sein wird. In den vergangenen Monaten schauten deshalb viele Passanten, die in Bremen Auf den Häfen / Ecke Gertrudenstraße vorbeikamen, neugierig auf die dortigen Bauarbeiten. Inzwischen ist das Baugerüst verschwunden und der Blick frei auf ein markantes vierstöckiges Haus mit außergewöhnlicher Architektur: das Casino Futur.

Text: Sandra Lachmann, Fotos: Shanice Allerheiligen

Ich wollte wissen, was künftig an dem Ort, der schon jetzt so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht und dessen Optik polarisiert, passiert und habe mich mit den Menschen getriffen, die es wissen müssen: Horst Dierking (POPO Bremen), Jan-Philipp Iwersen (Küche 13) und Marc Jaschik (Futur Zwei). Sie verwirklichen gemeinsam das „Casino Futur“, in dem unter anderem ein Co-Working mit Konferenzraum als begehbarer Showroom zu finden sein wird.

 

Erzählt doch mal, was verbirgt sich hinter dem Casino Futur?

Horst: Das Eckhaus stand zum Verkauf, und wir wollten Auf den Häfen im Bereich Design und Architektur etwas Neues entwickeln. Vor 5 Jahren habe ich den Kauf realisiert und dann mit einer Architektengruppe ein neues Konzept entwickelt. Ziel war ein Ort, an dem Menschen sich begegnen und gemeinsam etwas Innovatives erschaffen können. Und am Ende ist mit unseren Mietern zusammen etwas Wunderbares für diese Stadt entstanden.

Marc: Wenn man sich anschaut, welche spannenden Menschen mit unterschiedlichsten Professionen im ersten und zweiten Geschoss ihre Arbeitsplätze haben werden, ist das Casino Futur ein Community-Hub für das Thema Zukunftsfähige Organisation. Wir sehen uns als Thinktank für drängende Themen wie Neues Arbeiten, Nachhaltige Führung und Moderne Partizipation. Unsere zentrale Frage lautet: „Wie können sich Organisationen heute zukunftsfähig aufstellen?“

Jan-Philipp: Bei mir geht’s ums Essen. Wir veranstalten im Salon Dinnerabende für geschlossene Gesellschaften. Unsere Gäste können den Raum buchen und wir organisieren das komplette Catering, vom Aperitif bis zum Dessert.

Oben Wohnen, in der Mitte arbeiten und unten Schlemmen. Mein Eindruck ist, dass dieser Dreiklang immer häufiger umgesetzt wird, die Überseeinsel und die neuen Gebäude am Europahafenkopf sehen das meines Wissens genauso vor. Wird dieses Konzept Großstädte künftig prägen?

Horst: Sicherlich nicht prägen, aber zur Vielfalt des Angebotes beitragen. Die Kombination könnte aus unserer Perspektive nicht besser sein, weil wir wunderbar mit unseren Produkten und Angeboten kooperieren können. Dadurch sollen Menschen sich begegnen und kennenlernen. Was bei uns besonders ist: Wir integrieren uns in eine gewachsene Struktur und wollen das Ostertor attraktiver machen. Und wir sind vielleicht eher provokativ mit unseren Angeboten.

»Wir integrieren uns in eine gewachsene Struktur und wollen das Ostertor attraktiver machen. Und  sind vielleicht eher provokativ mit unseren Angeboten.« 

Horst Dierking

CoWorking gibt es inzwischen doch wie Sand am Meer. Und es ist Corona. Ist die Zeit des Großraumbüros nicht vorbei?

Horst: Das scheint so zu sein und überrascht nicht – in einigen Gruppenbüros sah und sieht es ja auch wie in den Fabriken des vergangenen Jahrhunderts. Das Büro wird immer mehr ein Ort, der Kreativität und Innovationen fördert, statt der Routinearbeit ein Zuhause zu geben. Wir entwickeln zurzeit unterschiedliche Formen des Zusammenlebens und -arbeitens. Es geht nicht mehr um reine Arbeitsstätten, sondern um Orte, an denen man sich gerne aufhält. Im Casino Futur experimentieren wir, wie Wohnen und Arbeiten zusammengeht, deshalb haben wir es mit unserem Team so vielfältig und experimentell eingerichtet. Die Einrichtung besteht aus zeitgemäßen, mobilen Möbeln – ergänzt durch Designantiquitäten.

Noch ist der Raum leer, aber demnächst...
... aber Mitte Oktober ziehen hier die ersten CoWorker ein (3D Visualisierung: Patrick Drescher).

Marc: Was im Casino Futur anders ist als in anderen CoWorkings: Alle CoWorker:innen in unserem Bureau haben ein gemeinsames Thema: Die Zukunftsfähigkeit von Organisationen. Wir sitzen nicht nur in gemeinsamen Räumen, sondern freuen uns alle vor allem sehr darauf, von- und miteinander zu lernen und gemeinsam Projekte zu machen. Wir wollen diesen besonderen Ort teilen und ihn uns zu eigen zu machen. Da entsteht schon jetzt in der Vorbereitung eine Gemeinschaft, und wir freuen uns wahnsinnig auf den Einzug am 15. Oktober. Die Arbeitsplätze sind schon vor dem Start fast alle vermietet.

Die Architektur des Gebäudes ist sehr markant. Und polarisiert dadurch auch sehr. Die einen rufen „Wow“, andere stehen kopfschüttelnd davor. Horst, du bist derjenige, der das Gebäude geplant und dessen Bau in Auftrag gegeben hat. Warum solch ein radikaler Bruch mit der Architektur der umliegenden Häuser?

Horst: Es war uns klar, dass ein solches Gebäude polarisiert. Alle wünschen sich Veränderung an sich; bloß nicht dort, wo sie Veränderung bewirkt. Aber wir bauen eben im Jahr 2021 – und wollten uns den umliegenden Gebäuden nicht anbiedern, indem wir sie eher kläglich klonen. Dennoch hat das Architekturbüro die direkte Umgebung mitgedacht und eine Einfassung des Ensembles zwischen dem Sanitätshaus Richter und dem neuen Casino Futur geschaffen.

»Wir schaffen eine Arbeitsumgebung, die wir lange gesucht, aber nicht gefunden haben. Für uns und andere.« 

Marc Jaschik

 

Ihr seid eine Art „Gründer-Trio“ aus Design-Experte, Gastronom und Berater. Wie seid ihr zueinander gekommen?

Jan-Philipp: Als Horst und Marc irgendwann letztes Jahr zusammensaßen, haben sie mich einfach angerufen. Ich war in der Küche 13 und bin spontan rübergegangen. So kam dann eins zum anderen.

Marc: Auch schon vorher hat das Netzwerk bestens funktioniert: Ein befreundeter Designer hatte von Horsts Plänen erfahren, das alte Gebäude zu sanieren oder vielleicht einen Neubau zu errichten. Davon erzählte er mir und stellte den Kontakt her. Als Horst, Lars und ich uns dann vor 2,5 Jahren das erste Mal getroffen haben, hat es sofort gefunkt.

Horst: Als Marc mit seiner Idee zu uns kam, haben wir schnell Schnittstellen erkannt. Wir von POPO übersetzen Organisationsstrukturen und deren Anforderungen in Räume. Daraus entstand dann die Idee, das Casino Futur als Showroom, aber eigentlich fast mehr als Labor für neue Einrichtungsmöglichkeiten zu nutzen. Und parallel stricken wir an gemeinsamen Angeboten, um unsere Kompetenzen zu bündeln und Kunden integrierte Lösungen für neue Strukturen anzubieten – räumlich und organisatorisch.

Ihr habt es vorhin erwähnt: Ihr vermietet den Salon im Erdgeschoss als Konferenzraum auch an externe Unternehmen. Erwartest du in dem Bereich viel Nachfrage? Besprechungsräume haben Firmen doch in der Regel selber.

Marc: Ich habe nicht nur lange nach einem passenden CoWorking gesucht, auch wirklich inspirierende und professionell ausgestattete Denk- und Workshopräume gibt es in Bremen kaum. Deshalb das außergewöhnliche mobile interior Design. Dazu ein professionelles Management und exzellentes Catering aus der Küche 13 – so möchten wir selber arbeiten und stellen den Raum deshalb auch anderen gerne zur Verfügung. Und ja: Ich rechne aufgrund des bisherigen Feedbacks mit einer guten Nachfrage.

»Für mich ist es eine wunderbare, ruhige Ergänzung zum Restaurant.« 

Jan-Philipp Iwersen

 

Apropos Catering – Jan-Philipp, Du konntest in den letzten eineinhalb Jahren vermutlich kaum Firmenevents, Weihnachtsfeiern und Meetings bewirten. Nimmt die Nachfrage derzeit wieder zu? Kannst Du schon absehen, wie deine neue Küche 13-Dependence in den kommenden Monaten genutzt wird?

Jan-Philipp: Es geht jetzt los mit den Buchungen für Weihnachten. Da gab es Verschiebungen durch Corona. Ich gehe davon aus, dass der Raum sehr gut läuft: Es ist einfach ein schöner Raum und man ist unter sich. Für mich ist das eine wunderbare, ruhige Ergänzung zur Küche 13.

Was mich abschließend noch interessiert: Warum der Name „Casino Futur“?

Marc: Was heute kaum noch jemand weiß: Im Jahr 1877 wurde, genau gegenüber unseres Standortes, das Casino Bremen eröffnet. Das war damals der größte Veranstaltungsort in der ganzen Stadt, mit einem 850 qm großen Saal. Dort fand zum Beispiel 1904 der Parteitag der SPD statt und um 1920 organisierte die Frauenrechtsbewegung dort zwei Kongresse zum Thema Frauenwahlrecht und Gleichberechtigung, mit jeweils über 2.000 Frauen, die dort getagt haben. Darauf stießen wir bei der Recherche im Zuge der Namensfindung und es entstand die Idee, diesen Namen in die Zukunft zu übernehmen. Deshalb Casino Futur.

 

Das Erdgeschoss: Wo derzeit noch Bauschutt steht...
... finden ab Mitte Oktober tagsüber Workshops und abends Dinner statt. (3D Visualisierung: Patrick Drescher)

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