Anne tauscht Platz gegen Lage

 

Als Anne Rippe vor vier Jahren mit ihrem Mann und ihrem kleinen Sohn von Essen nach Bremen umzog, wollte sie vor allem eins: in einer Wohnung leben, die ihr Herz so richtig höher schlagen lässt. Der Traum wurde wahr. Inzwischen hat sich ihre Familie vergrößert – die Wohnung allerdings nicht. Und so schließt sie nun einen Kompromiss, den viele Familien kennen: Sie tauscht Platz gegen Lage und zieht mit Kind und Kegel aufs Land.

Text: Anne Rippe, Fotos: Shanice Allerheiligen

»Endlich mal in einer richtig tollen Wohnung leben. Am liebsten Altbau, am liebsten mit Garten und natürlich in einer Lage, die sich gut anfühlt. Das war vor vier Jahren mein Bedürfnis. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bzw. hatten wir in Essen gelebt. Dort habe ich studiert, gearbeitet und bei der Wohnungswahl meist die erstbeste Wohnung gewählt. Nie schlecht aber auch nie so, dass ich damit wirklich glücklich war. Das sollte sich in Bremen ändern. Dieses Mal wollte ich keinen Kompromiss!

 

85 Quadratmeter und Garten in Schwachhausen

Und tatsächlich tauchte eines Tages genau diese Wohnung im Internet auf. Mitten in Schwachhausen, mit kleinem Garten hinterm Haus und großen Bäumen vor der Tür, mit alten Holzdielen und 3,5 Zimmern. Ja, diese Wohnung würde nur eine Zwischenlösung sein, denn ein zweites Kind war geplant und irgendwann in naher Zukunft wollten wir etwas eigenes kaufen. Aber für den Anfang war sie toll und genau das, was wir uns erträumt hatten.  Für 2 Jahre oder auch etwas länger absolut perfekt.

Schneller als gedacht kündigte sich einen Monat nach unserem Einzug unsere Tochter an, die noch im selben Jahr geboren wurde. Nun lebten wir also zu viert auf 85 Quadratmetern. Schon ok, ein Baby braucht ja nicht viel Platz. Ein Kinderzimmer für beide: kein Problem. In dieser Zeit drehte sich vor allem bei mir alles ums Mutter-sein, mit einem gerade 2-jährigen Jungen und einem etwas unzufriedenen Mini-Mädchen hatte ich kaum Gedanken für irgendetwas anderes.

Doch nach einigen Monaten (ich war mittlerweile schon seit über 3 Jahren ausschließlich Mutter) änderte sich das und der Wunsch nach mehr Ich-Zeit kam in mir auf. Ich wollte nicht nur Mutter-sein, ich wollte unbedingt wieder als Designerin arbeiten und »mein Ding« machen. Und so begann der Weg von »frau rippe«.

Das Wohnzimmer als improvisiertes Atelier

In dieser Zeit fing ich immer wieder an, unsere Wohnung zu verfluchen, da es mir nicht möglich war, an irgendeinem Punkt in Ruhe zu arbeiten oder einfach mal eine Tür hinter mir zu zu machen. Unser Wohnzimmer wurde zum Raum für alles. Wohnzimmer, Esszimmer, meistens auch Kinderzimmer und nun auch mein Arbeitszimmer. Ich benötigte immer mehr Arbeitsmaterialien und in unserem – ehemals liebevoll eingerichteten Wohnzimmer – wurde es von Monat zu Monat chaotischer und voller.

Im Lauf der Zeit – stets den immer verrückter werdenden Immobilienmarkt im Blick und nichts für uns dabei – stellten wir uns immer öfter die Frage: Was wollen und was brauchen wir als Familie, um glücklich zu sein? Und es wurde immer klarer: Platz und Raum. Wir alle brauchen Rückzugsorte, der eine mehr als der andere. Ich bin ein sehr sensibler Mensch und brauche für meine seelische Gesundheit immer wieder Zeiten für mich. Und auch unsere Kinder, die mittlerweile 3 und 5 sind, wünschen sich eigene Kinderzimmer, in denen sie sich zurückziehen können. Es kommt oft zu Konflikten, weil keiner von uns eine Tür hinter sich schließen kann, wenn er Ruhe braucht. Das ist anstrengend.

»Lage allein macht uns nicht glücklich.«

Ja, Bremen ist toll. Ich habe mich in den letzten Jahren hier mehr Zuhause gefühlt, als ich es in Essen je getan habe. Und die Lage, in der wir wohnen, ist absolut großartig. Noch immer liebe ich es hier, wo wir wohnen. Ich liebe es, dass wir im Sommer fast jeden Tag auf den Stufen vor dem Haus sitzen und mit den Nachbarn ins Gespräch kommen. Ich liebe den Blick in die riesigen Platanen vor dem Fenster und ich liebe es natürlich auch, dass alles so nah ist.

Mal eben schnell zum Bäcker, einkaufen, zum Frisör und zu Fuß zum Kindergarten. Ich brauche kein Auto und kann die meisten Wege zu Fuß gehen. Aber die Zeit zeigte uns, dass das für uns nicht ausreicht, um glücklich zu sein. Gäbe es in Bremen ein großes Haus mit großem Garten – ja, natürlich würden wir das nehmen, sofort! Aber der absolut verrückte Immobilienmarkt und Preise, bei denen uns schlecht wird, lachen uns aus, und zwar sehr, sehr laut.

Unser Kompromiss? Rausziehen aufs Land. Dieser Gedanke wurde in den letzten Jahren immer größer und realer, nahm immer klarere Formen an. Die Lage ist wichtig, aber für uns nicht das wichtigste. Wir als Familie brauchen Platz, um uns entfalten zu können und wenn wir dafür die Stadt verlassen und aufs Dorf ausweichen müssen, dann werden wir das tun. Die Vorstellung, einen Raum für mich zu haben, vielleicht sogar ein großes Atelier… lässt mein Herz hüpfen.

Warten auf den Umzug ins Traumhaus

Ähnlich geht es meinem Mann bei dem Gedanken an einen großen Garten, in dem er sich austoben kann. Und wenn mein Sohn überglücklich von einem Freund nach Hause kommt und mit strahlenden Augen erzählt »Mama, Peter hat ein ganz eigenes und großes Kinderzimmer!«, dann bricht mir das gelegentlich das Herz, weil wir es ihm hier nicht bieten können. Noch nicht.

Mittlerweile leben wir seit 4 Jahren in unserer Wohnung – viel länger als geplant. Und warum? Warum suchen wir uns nicht einfach eine größere Wohnung? Weil wir vor 1,5 Jahren tatsächlich unser persönliches Traumhaus auf dem Land gefunden haben. Ein Haus, das wir kaufen können, sobald die aktuellen Besitzer eine neue Bleibe gefunden haben. Aber ein Haus zu finden ist auch für sie nicht einfach und so warten wir. Wir warten und hoffen, dass es nicht mehr so lange dauert. Es könnte ja jeden Moment so weit sein.

Immer wieder müssen wir tief durchatmen und der kommende Winter macht es nicht leichter. Nein, es geht uns nicht schlecht, es könnte natürlich viel schlimmer sein. Aber es ist ein Kraftakt. Hoffentlich dauert es nicht mehr lange, vielleicht ist schon ein Ende, nein, ein Neuanfang in Sicht. Und so lange heißt es immer wieder tief ein- und ausatmen, den Blick nach vorn gerichtet auf eine entspanntere Zukunft mit Platz, Ruhe und Blick in die Felder.«

Wenn ihr wissen möchtet, wie es mit Annes Traum vom Eigenheim auf dem Land weitergeht, oder einen Blick in ihr künstlerisches Tun werfen möchtet, schaut auf ihrem Instagram-Account vorbei.