Pendlerwohnung für ein Leben wie früher

 

Sieben Jahre lang pendelte Lehrerin Maren Weber werktags von ihrem Zuhause in der Nähe von Vechta zu einer Schule im Bremer Zentrum. Dass sie die Hansestadt zugunsten von mehr Platz und Garten für ihre Familie verließ, war ein großer und bewusster Schritt. Nun hat sie einen Weg gefunden, mit dem sich der daraus entstandene Zeitverlust auf Autobahnen gelassener akzeptieren lässt: Sie hat eine kleine Unterkunft im Viertel angemietet, in der sie einmal pro Woche übernachtet – und vor allem: die Seele baumeln lässt, so wie früher.

Text: Maren Weber, Fotos: Sandra Lachmann

Über meinem Esstisch hängt ein Kronleuchter, kein gewöhnlicher Lüster, sondern einer, der aus drei Etagen kleiner Glasflaschen besteht. Gekauft habe ich ihn vor 12 Jahren in einem besonderen Geschäft im Viertel. Dortwohnte ich gleich um die Ecke in einem Traum aus Stuck, weißen Holztüren, Parkett und Morgensonne auf dem Balkon. Und da passte dieser Kronleuchter hin, als wäre er nur für diesen Ort gemacht.

Jetzt hängt er fast 70 km entfernt von seinem ersten Standort direkt über meinem Kopf. An einer viel zu niedrigen Decke in einem Einfamilienhaus.  Gleich um die Ecke sind keine fantastischen Läden mehr, dort beginntder Acker. Der Blick auf diesen Kronleuchter weckte lange Zeit Wehmut in mir. Die 2,5 Räume im Viertel waren zwar für mich allein perfekt, doch dann begegnete mir der zukünftige Mann und der Platzbedarf stieg rasch an. Schnell schwanger war klar, dass eine familienfreundliche Lage und ausreichend Platz die wichtigsten Kriterien für diese neue Lebensphase waren. Wichtiger als Stuck und Parkett.

Da entdeckte ich das jetzige, sehr bezahlbare und freistehende Haus mit Garten im Dorf meiner Kindheit und die Entscheidung fiel. Ich verschwand in einer Elternzeitblase im Dorfleben und genoss den Platz im Garten und den Familienanschluss mit den nahen Großeltern auch sehr. Nach zwei Kindern in zwei Jahren begann aber der normale Arbeitsalltag wieder– denn der Beruf ist nicht mit umgezogen, der ist weiterhin mitten im Herzen der Hansestadt. Und ja: Diese Pendelei habe ich kolossal unterschätzt.

Der nächste Bahnhof bietet nur eine Verbindung nach Oldenburg, die Autobahn ist jedoch nah und Bremen in einer Stunde erreicht.  So begann die gigantische Verschwendung von Lebenszeit hinter dem Lenkrad. Morgens eine Stunde hin, nachmittags eine Stunde wieder zurück. Zehn Stunden in der Woche, vierzig Stunden im Monat. Wenn kein Stau und keine Baustelle diesen Plan torpedieren. Morgens der Druck, pünktlich bei der Arbeit zu sein, Gleitzeit gibt es nicht. Nachmittags warten die Kinder darauf, nach dem Ganztag um 15:30 Uhr pünktlich von der Grundschule abgeholt zu werden. Sonntagabend gehen immer um die 70 Euro in den Tank. Mein ökologischer Fußabdruck sitzt dabei weinend auf dem Beifahrersitz. Das alles mag für andere Menschen kein Problem darstellen, mich belastet es jedoch.

„Dann wechsle halt den Arbeitsplatz, wenn dich das Pendeln so anstrengt!“ – auf die Idee bin ich bereits nach kurzer Zeit auch gekommen, aber da gibt es einen wirklich großen Haken: Ich liebe nämlich meinen Arbeitsplatz. Sehr. Er ist seit 15 Jahren mein Arbeitszuhause. Ich hatte zwar eine gute Jobzusage in meinem Landkreis hier, aber habe es einfach nicht über‘s Herz gebracht. So blieb ich doch beruflich in Bremen.

Die familiäre Situation bindet mich an das Dorf, ein erneuter Umzug zurück nach Bremen kommt (noch) nicht wieder infrage. Das Pendeln ist also der „saure Apfel“, den ich meinen Kindern zuliebe akzeptiere. Aber ich überlegte schon eine ganze Weile, wie ich meine Situation verbessern könnte. Nach sieben Jahren Pendelei und einer neuen privaten Situation reifte der Entschluss, hier tatsächlich aktiv zu werden. Wieder am Osterdeich sitzen, das Hamsterrad anhalten, einen Kraftort schaffen. Das brauchte ich. Denn Kraft habe ich verloren in diesen sieben Jahren. Dabei hinterfragte ich mich sehr, ob das nicht zu egoistisch sei, das Geld könnte ich ja auch woanders einsetzen. Ist es das wirklich wert? Der Gedanke an einen Kraftort „nur“ für mich war jedoch wie ein Funke in meinem Herzen.

Nach wenigen Tagen von „Nur-mal-gucken“ im Internet fand ich dann diese entzückende Pendlerwohnung – mitten im Viertel, fußläufig keine zehn Minuten von der Arbeit entfernt, in einem zauberhaften Altbremer Haus zu einem überaus fairen Tarif. Einen Schnack mit der Vermieterin später, ich bekam eine Zusage und konnte das bereits möblierte Schmuckstück mit kleiner Terrasse beziehen.

Ausatmen. Keiner will etwas von mir, ich kann meinen Gedanken Raum geben. Einfach durch die Straßen schlendern, am Osterdeich joggen. Und ich arbeite dort auch gerne und schaffe tatsächlich in einer Stunde am Schreibtisch mehr als in drei Stunden zuhause. Und ich kann die Arbeit dort auch einfach einmal liegen lassen, bin flexibel und kann mich in meine eigene Bettdecke kuscheln. Ein Hotelzimmer oder Airbnb kann mir das nicht geben.

Ich bin fokussiert und zugleich absolut entspannt an meinem Kraftort. Ich schlafe durch. Die Bedeutung dessen ist allein jeden Euro wert, denn das konnte ich seit vielen Jahren nicht.  Es ist ein absoluter Luxus, mir diese Pendlerwohnung zu leisten, das ist mir bewusst. Aber es ist jetzt gerade das Beste, was ich für mich tun kann, um meinen Alltag gut zu meistern. Und mein Kronleuchter hängt weiterhin zu tief im Einfamilienhaus, nur ist mein Blick auf ihn jetzt nicht mehr so wehmütig, denn mein Viertelleben geht im Kleinen weiter.